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Wohnungsrecht berechnen

Immobilienbewertung

Wohnungsrecht ermitteln: Schritt für Schritt

Von der rechtlichen Prüfung über den jährlichen Wohnwert und den Leibrentenbarwertfaktor bis zum kapitalisierten Wert eines lebenslangen Wohnungsrechts.

Das Wohnungsrecht nach § 1093 BGB ist eine beschränkte persönliche Dienstbarkeit. Es berechtigt eine Person, ein Gebäude oder einen Teil eines Gebäudes unter Ausschluss des Eigentümers als Wohnung zu benutzen. Für die Immobilienbewertung stellt ein eingetragenes Wohnungsrecht regelmäßig eine grundstücksbezogene Belastung dar, weil der Eigentümer die betroffenen Räume während der Dauer des Rechts nicht oder nur eingeschränkt selbst nutzen beziehungsweise anderweitig verwerten kann.

Nach §§ 46 und 47 ImmoWertV können grundstücksbezogene Rechte und Belastungen den Wert des belasteten Grundstücks beeinflussen und zugleich selbst Gegenstand einer Wertermittlung sein. Wird der Wert aus den wirtschaftlichen Vor- und Nachteilen abgeleitet und ist das Recht an das Leben des Berechtigten gebunden, sind nach § 47 Abs. 5 ImmoWertV Leibrentenbarwertfaktoren zu verwenden.

Grundidee:
Der Wohnungsberechtigte spart sich während der Dauer seines Rechts die Miete für eine vergleichbare Wohnung. Dieser jährliche wirtschaftliche Vorteil – der sogenannte Wohnwert – wird über die voraussichtliche Dauer des Wohnungsrechts kapitalisiert.

Wohnungsrecht und Nießbrauch sind nicht dasselbe

Das Wohnungsrecht ist enger als ein Nießbrauch. Während der Nießbrauch grundsätzlich das Recht vermittelt, sämtliche Nutzungen – also insbesondere auch Mieterträge – zu ziehen, ist das Wohnungsrecht nach § 1093 BGB auf die Nutzung als Wohnung gerichtet. Der Berechtigte darf nach § 1093 Abs. 2 BGB seine Familie sowie erforderliche Pflege- und Bedienungspersonen aufnehmen.

Merkmal Wohnungsrecht Nießbrauch
Rechtsgrundlage § 1093 BGB §§ 1030 ff. BGB
Hauptzweck Persönliche Wohnnutzung Umfassende Nutzungsziehung
Vermietung / Mieterträge Nicht automatisch vom Wohnungsrecht umfasst Grundsätzlich vom Nutzungsrecht umfasst, soweit nicht beschränkt

Durchgängiges Beispiel der früheren Lernseite

Die frühere Seite arbeitete mit einem lebenslangen Wohnungsrecht für einen 66-jährigen Mann. Der Wohnwert wurde aus der marktüblichen Miete der vom Recht erfassten Wohnfläche sowie aus zwei mitumfassten Garagen abgeleitet.

Ausgangsgröße Alter Beispielansatz
Berechtigter männlich, 66 Jahre
vom Wohnungsrecht erfasste Wohnfläche 123,56 m²
marktübliche Miete 6,82 €/m² monatlich
Garagen 2 × 35 €/Monat
Kapitalisierungszinssatz 2,60 %
korrigierter Leibrentenbarwertfaktor 13,2408

1. Schritt: Datenerhebung und Umfang des Wohnungsrechts

Vor der Berechnung muss zunächst geklärt werden, welche Räume und Nebenflächen vom Wohnungsrecht erfasst werden und welche Nutzungsbefugnisse tatsächlich eingeräumt wurden. Maßgeblich sind die Grundbucheintragung und die in Bezug genommene Bewilligungsurkunde.

Person
Alter und – für die verwendete biometrische Berechnung – die maßgeblichen personenbezogenen Berechnungsparameter.
Flächen
Welche Wohn- und Nebenflächen sind vom Recht umfasst?
Nebenrechte
Garagen, Stellplätze, Garten, Keller oder sonstige mitbenutzte Flächen.
Kostentragung
Individuelle Vereinbarungen über Betrieb, Unterhaltung und sonstige Lasten prüfen.
Wichtig: Für die Bewertung ist nicht die bloße Bezeichnung „Wohnrecht“ entscheidend, sondern der konkrete dingliche Inhalt. Insbesondere bei älteren Bestellungen können Umfang, Mitbenutzungsrechte und Kostentragung erheblich variieren.

2. Schritt: Kapitalisierungszinssatz bestimmen

Der jährliche Wohnwert fällt über einen längeren Zeitraum an und muss deshalb auf den Wertermittlungsstichtag abgezinst werden. Hierfür ist ein sachgerechter Kapitalisierungszinssatz anzusetzen.

In der früheren Lernseite wurde hierfür der für die Immobilie angesetzte Liegenschaftszinssatz von 2,60 % als Kapitalisierungszinssatz verwendet. Für eine konkrete Verkehrswertermittlung ist stets zu prüfen, welcher Zinssatz zum Bewertungszweck, zur Objektart, zum Recht und zu den örtlichen Marktverhältnissen passt.

Beispielansatz
2,60 %
Auswirkung des Zinssatzes:
Ein niedrigerer Kapitalisierungszinssatz führt – bei ansonsten gleichen Voraussetzungen – zu einem höheren Barwert des Wohnungsrechts. Ein höherer Zinssatz führt zu einem niedrigeren Barwert.

3. Schritt: Leibrentenbarwertfaktor ermitteln

Bei einem lebenslangen Wohnungsrecht steht die tatsächliche Laufzeit nicht fest. Deshalb wird sie über biometrische Wahrscheinlichkeiten abgebildet. § 47 Abs. 5 ImmoWertV bestimmt ausdrücklich, dass bei lebensgebundenen Rechten mit Leibrentenbarwertfaktoren zu kapitalisieren ist.

Der Leibrentenbarwertfaktor verbindet die statistisch zu erwartende Dauer des Rechts mit dem Kapitalisierungszinssatz. In die konkrete Berechnung fließen insbesondere Alter, die verwendete Sterbetafel beziehungsweise Absterbeordnung, Zinssatz und Zahlungsweise ein.

Altes Beispiel:
Berechtigter: männlich, 66 Jahre
Kapitalisierungszinssatz: 2,60 %
Zahlungsweise: entsprechend der damaligen Beispielrechnung auf die unterjährige beziehungsweise vorschüssige Nutzung angepasst

korrigierter Leibrentenbarwertfaktor = 13,2408
Hinweis: Ein Faktor von 13,2408 bedeutet nicht, dass schlicht mit einer festen Restlebensdauer von 13,2408 Jahren gerechnet wird. Der Faktor ist ein Barwertfaktor, in dem sowohl Überlebenswahrscheinlichkeiten als auch Abzinsung und die zugrunde gelegte Zahlungsweise verarbeitet werden.

4. Schritt: Jährlichen Wohnwert ermitteln

Der wirtschaftliche Vorteil des Wohnungsberechtigten besteht darin, die vom Recht erfassten Räume nutzen zu können, ohne hierfür eine marktübliche Miete zahlen zu müssen. Bewertet wird deshalb grundsätzlich die marktüblich erzielbare Miete für die konkrete Wohnfläche und gegebenenfalls für weitere vom Recht erfasste Nutzungen.

Jährlicher Wohnwert = marktübliche monatliche Miete × 12
Teil 1 – Wohnfläche

Wohnfläche: 123,56 m²
marktübliche Miete: 6,82 €/m²

123,56 m² × 6,82 €/m² = 842,68 € monatlich
842,68 € × 12 = 10.112,15 € jährlich
Teil 2 – zwei Garagen

Garagenwert: 2 × 35 €/Monat

2 × 35 € × 12 = 840,00 € jährlich
Gesamter jährlicher Wohnwert
10.112,15 € + 840,00 € = 10.952,15 €
Bewertungshinweis: Betriebskosten, Instandhaltung und sonstige Lasten sind nicht pauschal in jeder Wohnungsrechtsbewertung identisch zu behandeln. Entscheidend ist, welche Kosten nach Gesetz und insbesondere nach der konkreten Bestellungsurkunde vom Berechtigten oder vom Eigentümer getragen werden. Die frühere Beispielrechnung kapitalisierte den ermittelten Wohnwert unmittelbar.

5. Schritt: Wohnungsrecht kapitalisieren

Im letzten Schritt wird der jährliche Wohnwert mit dem Leibrentenbarwertfaktor multipliziert. Dadurch werden die künftig erwarteten Nutzungsvorteile auf den Wertermittlungsstichtag abgezinst.

Kapitalwert des Wohnungsrechts = jährlicher Wohnwert × Leibrentenbarwertfaktor
Beispiel

jährlicher Wohnwert: 10.952,15 €
Leibrentenbarwertfaktor: 13,2408

10.952,15 € × 13,2408 = 145.015,23 €

Finanzmathematischer Wert des Wohnungsrechts: rund 145.000 €

Die frühere Beispielrechnung im Überblick

Rechenschritt Ergebnis
Wohnfläche 123,56 m²
Marktmiete 6,82 €/m²
Jahreswohnwert Wohnung 10.112,15 €
Jahreswert Garagen 840,00 €
Jährlicher Wohnwert gesamt 10.952,15 €
Leibrentenbarwertfaktor 13,2408
Kapitalisierter Wert 145.015,23 €
Ergebnis des früheren durchgängigen Beispiels
rund 145.000 €
Finanzmathematisch kapitalisierter Wert des lebenslangen Wohnungsrechts vor einer abschließenden marktbezogenen Würdigung.

Werteinfluss auf das belastete Grundstück

Der kapitalisierte Wert des Wohnungsrechts ist eine wesentliche Rechengröße für die Ermittlung seines wirtschaftlichen Einflusses. Nach § 47 ImmoWertV dürfen der Wert des Rechts und der Wert des belasteten Grundstücks jedoch nicht ausschließlich finanzmathematisch betrachtet werden. Zusätzlich sind die allgemeinen Wertverhältnisse des Grundstücksmarkts im Hinblick auf das konkrete Recht zu berücksichtigen.

Vereinfachte Lehrlogik:
Wert des fiktiv unbelasteten Grundstücks
− Werteinfluss des Wohnungsrechts
= Wert des belasteten Grundstücks

In einer Verkehrswertermittlung ist jedoch zu prüfen, ob der Markt den finanzmathematischen Barwert vollständig, nur teilweise oder in besonderer Weise einpreist. Einfluss haben beispielsweise Umfang und Rang des Rechts, Alter des Berechtigten, Größe des betroffenen Gebäudeteils, Verkäuflichkeit und die konkrete rechtliche Ausgestaltung.

Typische Sonderfälle

Befristetes Wohnungsrecht
Bei einer festen Laufzeit ist grundsätzlich ein Zeitrentenbarwertfaktor statt eines Leibrentenbarwertfaktors zu verwenden.
Mehrere Berechtigte
Entscheidend ist, ob das Recht beim Tod des Erstversterbenden oder erst des Letztversterbenden erlischt.
Teilfläche
Nur die tatsächlich vom Recht erfassten Wohn- und Nebenflächen dürfen in den Wohnwert einbezogen werden.
Abweichende Kostentragung
Individuelle Vereinbarungen können den wirtschaftlichen Vorteil des Berechtigten erhöhen oder vermindern.

Die fünf alten Schritte auf einen Blick

1
Datenerhebung
Umfang und Inhalt des Rechts
2
Zinssatz
Kapitalisierungszinssatz bestimmen
3
LBF
Leibrentenbarwertfaktor ermitteln
4
Wohnwert
jährlichen Nutzungsvorteil bestimmen
5
Kapitalisierung
Barwert des Rechts berechnen

Quellen und Rechtsgrundlagen

Hinweis: Die Beispielrechnung dient der Lehre. Für eine konkrete Wertermittlung sind Grundbuch, Bestellungsurkunde, aktuelle Marktmiete, Kostentragung, Bewertungsstichtag, Kapitalisierungszinssatz und die zum Stichtag geeigneten biometrischen Grundlagen objektspezifisch zu prüfen.

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