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Nießbrauchrecht berechnen

Der Nießbrauch stellt ein höchstpersönliches Recht dar. Er ist also nicht vererbbar und grundsätzlich nicht übertragbar. Inhaltlich gewährt er dem Berechtigten die Befugnis, sämtliche Nutzungen aus dem belasteten Objekt zu ziehen. Dieses Objekt kann sowohl eine Sache, beweglich oder unbeweglich, als auch ein Recht sein. Bei Grundstücken regeln die §§ 1030 ff. BGB die Einzelheiten. § 1030 Abs. 1 BGB legt fest, dass eine Sache so belastet werden kann, dass der Berechtigte berechtigt ist, die Nutzungen der Sache zu ziehen. Abs. 2 eröffnet die Möglichkeit, den Nießbrauch auf bestimmte Nutzungen zu beschränken. Belastet werden können Grundstücke, grundstücksgleiche Rechte sowie bewegliche Sachen. Der Nießbrauch erstreckt sich nach §§ 93 ff. BGB grundsätzlich auch auf die wesentlichen Bestandteile eines Grundstücks.

Immobilienbewertung

Nießbrauchrecht ermitteln: Schritt für Schritt

Von der rechtlichen Einordnung über den jährlichen Nutzungsvorteil und die vom Nießbraucher zu tragenden Kosten bis zum kapitalisierten Wert des Nießbrauchrechts.

Der Nießbrauch ist ein beschränkt dingliches Recht, das seinem Berechtigten weitreichende Nutzungsbefugnisse an einer Sache einräumt. Bei Grundstücken kann der Nießbraucher die Immobilie grundsätzlich selbst nutzen oder – soweit der Inhalt des Rechts dies zulässt – vermieten und die daraus erzielten Erträge vereinnahmen. Der rechtliche Ausgangspunkt ist § 1030 BGB.

Für die Immobilienbewertung ist der Nießbrauch eine grundstücksbezogene Belastung. Nach §§ 46 und 47 ImmoWertV können Rechte und Belastungen den Wert eines Grundstücks beeinflussen und selbst Gegenstand einer eigenständigen Wertermittlung sein. Werden die wirtschaftlichen Vor- und Nachteile eines lebenslang bestehenden Rechts bewertet, sind sie nach § 47 Abs. 5 ImmoWertV mit Leibrentenbarwertfaktoren zu kapitalisieren.

Grundidee:
Der Wert des Nießbrauchs entspricht wirtschaftlich dem heutigen Barwert derjenigen Nutzungsvorteile, die dem Berechtigten während der voraussichtlichen Dauer des Rechts zufließen, vermindert um die Kosten und Lasten, die er aufgrund des Nießbrauchs selbst zu tragen hat.

1. Rechtliche Einordnung des Nießbrauchs

Nach § 1030 Abs. 1 BGB kann eine Sache in der Weise belastet werden, dass der Berechtigte befugt ist, die Nutzungen der Sache zu ziehen. Bei einer Immobilie können hierzu insbesondere die Eigennutzung und die Erzielung von Miet- oder Pachterträgen gehören. Nach § 1030 Abs. 2 BGB kann der Nießbrauch auf einzelne Nutzungen beschränkt werden.

Der Nießbraucher ist nach § 1036 BGB zum Besitz der Sache berechtigt und hat bei der Ausübung des Nutzungsrechts die bisherige wirtschaftliche Bestimmung der Sache aufrechtzuerhalten. Der Nießbrauch selbst ist nach § 1059 BGB grundsätzlich nicht übertragbar; die Ausübung kann jedoch einem anderen überlassen werden. Bei einem natürlichen Berechtigten erlischt der Nießbrauch gemäß § 1061 BGB grundsätzlich mit dessen Tod.

§ 1030 BGB
Recht, die Nutzungen aus der Sache zu ziehen.
§ 1041 BGB
Gewöhnliche Unterhaltung und Erhaltung des wirtschaftlichen Bestands.
§ 1047 BGB
Bestimmte öffentliche und privatrechtliche Lasten trägt der Nießbraucher.
§ 1061 BGB
Lebenslanger Nießbrauch endet grundsätzlich mit dem Tod des Berechtigten.

Abgrenzung zum Wohnungsrecht

Merkmal Nießbrauch Wohnungsrecht
Rechtsgrundlage §§ 1030 ff. BGB § 1093 BGB
Nutzung Umfassende Nutzung im Umfang der Bestellung. Nutzung als Wohnung im Umfang des eingeräumten Rechts.
Mieterträge Grundsätzlich kann der Nießbraucher die Erträge vereinnahmen. Kein umfassendes Recht zur Fruchtziehung wie beim Nießbrauch.

2. Datenerhebung und Inhalt des Rechts

Vor jeder finanzmathematischen Berechnung ist zunächst der konkrete Inhalt des Nießbrauchrechts festzustellen. Maßgeblich sind insbesondere Grundbuch, Bewilligungsurkunde und gegebenenfalls weitere vertragliche Vereinbarungen.

Umfang
Gesamtes Grundstück, einzelne Wohnung, Gebäudeteil oder bestimmte Nutzungen?
Dauer
Lebenslang oder zeitlich befristet?
Kostenverteilung
Welche Aufwendungen trägt der Eigentümer, welche der Nießbraucher?
Ertragsrecht
Darf vermietet werden und wem stehen die Mieteinnahmen zu?

Durchgängiges Lehrbeispiel

Zur Veranschaulichung wird ein lebenslanges Nießbrauchrecht zugunsten eines 66-jährigen Mannes betrachtet. Der Berechtigte kann die Immobilie vermieten und die Erträge vereinnahmen. Für die Kapitalisierung wird in der Beispielrechnung ein Leibrentenbarwertfaktor von 13,2408 verwendet.

Ausgangsgröße Beispielansatz
Berechtigter männlich, 66 Jahre
Fläche 123,56 m²
marktübliche Miete 6,82 €/m² monatlich
Garagen 2 × 35 €/Monat
jährliche vom Nießbraucher zu tragende Kosten 1.500 €
Kapitalisierungszinssatz 2,60 %
Leibrentenbarwertfaktor 13,2408

3. Jährlichen Rohertrag des Nießbrauchs ermitteln

Der wirtschaftliche Vorteil des Nießbrauchers besteht bei einer vermietbaren Immobilie grundsätzlich in den nachhaltig erzielbaren Nutzungen. Bewertungsseitig ist daher zunächst zu bestimmen, welche marktüblichen Miet- oder Pachterträge aus dem belasteten Objekt beziehungsweise dem belasteten Teilobjekt erzielbar sind.

Jährlicher Rohertrag = marktüblich erzielbare Nutzungen pro Jahr
Beispiel
Wohnnutzung:
123,56 m² × 6,82 €/m² = 842,68 € monatlich
842,68 € × 12 = 10.112,15 € jährlich
Garagen:
2 × 35 € × 12 = 840,00 € jährlich
10.112,15 € + 840,00 € = 10.952,15 €

Jährlicher Rohertrag des Nießbrauchs: 10.952,15 €

4. Vom Nießbraucher zu tragende Kosten ermitteln

Anders als beim reinen Wohnungsrecht ist beim Nießbrauch regelmäßig zu prüfen, welche laufenden Kosten und Lasten der Berechtigte selbst zu tragen hat. Diese Verpflichtungen mindern seinen wirtschaftlichen Vorteil und damit den Wert des Rechts.

Nach § 1041 BGB hat der Nießbraucher für die Erhaltung der Sache in ihrem wirtschaftlichen Bestand zu sorgen; Ausbesserungen und Erneuerungen treffen ihn insoweit, wie sie zur gewöhnlichen Unterhaltung gehören. § 1047 BGB weist ihm gegenüber dem Eigentümer bestimmte öffentliche und bereits bestehende privatrechtliche Lasten zu. Für die konkrete Bewertung bleibt jedoch stets die individuelle Bestellungsurkunde entscheidend.

Bewertungsgrundsatz: Nicht pauschal sämtliche Bewirtschaftungskosten abziehen. Es sind nur diejenigen Kosten wertmindernd anzusetzen, die der Nießbraucher nach Gesetz und insbesondere nach der konkreten Vereinbarung tatsächlich selbst zu tragen hat und die nicht bereits anderweitig berücksichtigt sind.
Beispiel

Für gewöhnliche Unterhaltung, nicht erstattete laufende Lasten und sonstige dem Nießbraucher zugewiesene Aufwendungen werden im Lehrbeispiel 1.500 € jährlich angesetzt.

5. Jährlichen Reinertrag beziehungsweise Nettonutzungsvorteil bestimmen

Aus dem jährlichen Rohertrag wird der wirtschaftlich beim Nießbraucher verbleibende Nettonutzungsvorteil abgeleitet.

Nettonutzungsvorteil = jährlicher Rohertrag − vom Nießbraucher zu tragende Kosten
Beispiel
10.952,15 € − 1.500,00 € = 9.452,15 €

Jährlicher Nettonutzungsvorteil: 9.452,15 €

6. Kapitalisierungszinssatz festlegen

Für die Kapitalisierung ist ein sachgerechter Zinssatz anzusetzen. Er beeinflusst den Barwert erheblich: Je niedriger der Zinssatz, desto höher ist – bei ansonsten gleichen Bedingungen – der Barwert eines langfristigen Nutzungsrechts.

Der Zinssatz ist nach dem Bewertungszweck, der Art des Rechts, der Immobilie, den Marktverhältnissen und der gewählten Methodik herzuleiten. Für eine Verkehrswertermittlung darf ein Zinssatz daher nicht allein deshalb übernommen werden, weil er in einer steuerlichen oder versicherungsmathematischen Tabelle verwendet wird.

Beispiel

Kapitalisierungszinssatz: 2,60 %

7. Leibrentenbarwertfaktor ermitteln

Bei einem lebenslang eingeräumten Nießbrauch kann die Laufzeit nicht als feste Jahreszahl angesetzt werden. Stattdessen wird die statistische Sterbewahrscheinlichkeit des Berechtigten berücksichtigt. § 47 Abs. 5 ImmoWertV schreibt für lebensgebundene Rechte die Kapitalisierung mit Leibrentenbarwertfaktoren vor.

In den Faktor fließen insbesondere das Alter, das Geschlecht, die zugrunde gelegte Absterbeordnung beziehungsweise Sterbetafel, der Kapitalisierungszinssatz und die Zahlungsweise ein. Deshalb darf ein Leibrentenbarwertfaktor nicht losgelöst von seinen Rechenannahmen verwendet werden.

Beispiel:
männlich · 66 Jahre · 2,60 % Kapitalisierungszinssatz · angenommene Zahlungsweise gemäß der Beispielsystematik

Leibrentenbarwertfaktor = 13,2408
Hinweis: Für eine konkrete Wertermittlung ist der Faktor mit den zum Wertermittlungsstichtag maßgeblichen aktuellen Sterbegrundlagen und der tatsächlich verwendeten Zahlungsweise neu zu bestimmen. Das Statistische Bundesamt stellt hierfür unter anderem einen Leibrentenrechner bereit.

8. Barwert des Nutzungsvorteils berechnen

Zunächst kann der kapitalisierte Bruttovorteil des Nießbrauchers ermittelt werden.

Barwert des Rohertrags = jährlicher Rohertrag × Leibrentenbarwertfaktor
Beispiel
10.952,15 € × 13,2408 = 145.015,23 €

Kapitalisierter Bruttonutzungsvorteil: 145.015,23 €

9. Barwert der vom Nießbraucher zu tragenden Kosten berechnen

Auch die jährlich vom Nießbraucher getragenen, wertrelevanten Kosten sind über die voraussichtliche Dauer des Rechts zu kapitalisieren.

Barwert der Kosten = jährliche Kosten × Leibrentenbarwertfaktor
Beispiel
1.500,00 € × 13,2408 = 19.861,20 €

Kapitalisierter Kostenanteil: 19.861,20 €

10. Kapitalisierten Wert des Nießbrauchrechts ermitteln

Der Wert des Nießbrauchs ergibt sich in der vereinfachten finanzmathematischen Betrachtung aus dem kapitalisierten Nutzungsvorteil abzüglich des Barwerts der vom Nießbraucher selbst zu tragenden Kosten.

Nießbrauchswert = (jährlicher Rohertrag × LBF) − (jährliche Kosten × LBF)

beziehungsweise

Nießbrauchswert = jährlicher Nettonutzungsvorteil × LBF
Beispiel – Variante 1
145.015,23 € − 19.861,20 € = 125.154,03 €
 
Kontrollrechnung – Variante 2
9.452,15 € × 13,2408 = 125.154,03 €

Kapitalisierter Nießbrauchswert: rund 125.000 €

11. Einfluss auf den Wert des belasteten Grundstücks

Für die Bewertung des belasteten Grundstücks ist der kapitalisierte Wert des Nießbrauchs nicht in jedem Fall schematisch vom unbelasteten Verkehrswert abzuziehen. Nach § 47 ImmoWertV kann der Werteinfluss eines Rechts oder einer Belastung unter anderem durch die wirtschaftlichen Vor- und Nachteile ermittelt werden; zugleich sind die allgemeinen Wertverhältnisse im Hinblick auf das konkrete Recht zu berücksichtigen.

Wichtig für die Verkehrswertermittlung: Der finanzmathematisch ermittelte Barwert des Rechts ist zunächst eine wichtige Rechengröße. Der tatsächliche Markteinfluss kann davon abweichen, beispielsweise wegen eingeschränkter Verkäuflichkeit, Rangverhältnissen, konkreter Vertragsgestaltung oder besonderer Marktreaktionen. Deshalb ist anschließend stets eine marktbezogene Würdigung erforderlich.

12. Typische Sonderfälle

Befristeter Nießbrauch
Bei einer festen Laufzeit wird grundsätzlich mit einem Zeitrentenbarwertfaktor statt mit einem Leibrentenbarwertfaktor gearbeitet.
Nießbrauch für mehrere Personen
Die konkrete Erlöschensregel ist entscheidend, etwa Erlöschen beim Tod des Erstversterbenden oder erst beim Tod des Letztversterbenden.
Teilnießbrauch
Ist nur ein bestimmter Gebäudeteil oder ein Anteil betroffen, dürfen auch nur dessen Nutzungen und Kosten angesetzt werden.
Abweichende Kostentragung
Vertragliche Regelungen können von der gesetzlichen Lastenverteilung abweichen und den wirtschaftlichen Wert des Rechts erheblich verändern.

Der Ablauf auf einen Blick

1
Rechtsinhalt prüfen
2
Rohertrag
3
Kosten
4
Nettonutzen
5
Zinssatz
6
LBF
7
Barwerte
8
Nießbrauchswert
9
Marktwürdigung

Zusammenfassung der Beispielrechnung

Rechenschritt Ergebnis
Jährlicher Rohertrag 10.952,15 €
vom Nießbraucher zu tragende Kosten − 1.500,00 €
Nettonutzungsvorteil 9.452,15 €
Leibrentenbarwertfaktor 13,2408
Kapitalisierter Nießbrauchswert 125.154,03 €
Ergebnis des durchgängigen Lehrbeispiels
rund 125.000 €
Finanzmathematischer Wert des lebenslangen Nießbrauchs vor einer abschließenden marktbezogenen Würdigung.

Quellen und Rechtsgrundlagen

Hinweis für die Lehre: Die konkrete Bewertung eines Nießbrauchrechts hängt wesentlich von der Bestellungsurkunde, der tatsächlichen Kostentragung, dem Bewertungsstichtag, dem Kapitalisierungszinssatz und den aktuell maßgeblichen Sterbewahrscheinlichkeiten ab.

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