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Erbbaurecht berechnen

Immobilienbewertung

Erbbaurecht ermitteln: Schritt für Schritt

Vom fiktiven Volleigentum über Bodenwert, angemessenen und erzielbaren Erbbauzins bis zum finanzmathematischen Wert, Erbbaurechtsfaktor und Verkehrswert.

Das Wichtigste in Kürze

Erbbaurecht
Veräußerliches und vererbliches Recht, auf oder unter einem fremden Grundstück ein Bauwerk zu haben.
Erbbauzins
Wiederkehrende Leistung des Erbbauberechtigten an den Grundstückseigentümer.
Restlaufzeit
Entscheidende Größe für die Kapitalisierung des Bodenwertvorteils oder Bodenwertnachteils.
Marktanpassung
Der finanzmathematische Wert wird über einen geeigneten Erbbaurechtsfaktor an den Markt angepasst.

Das Erbbaurecht ermöglicht es, Eigentum am Grundstück und die wirtschaftliche Nutzung eines Bauwerks voneinander zu trennen. Nach § 1 ErbbauRG kann ein Grundstück so belastet werden, dass dem Erbbauberechtigten das veräußerliche und vererbliche Recht zusteht, auf oder unter der Oberfläche des Grundstücks ein Bauwerk zu haben.

Bewertungsrechtlich ist zwischen dem Erbbaurecht und dem Erbbaugrundstück zu unterscheiden. Die §§ 48 bis 52 ImmoWertV enthalten hierfür eigene Bewertungsregeln. Die nachfolgende Rekonstruktion behandelt die Bewertung des Erbbaurechts.

Grundidee:
Der Erbbauberechtigte verfügt wirtschaftlich über den Gebäudewert und kann zusätzlich einen Vorteil oder Nachteil daraus haben, dass der tatsächlich beziehungsweise erzielbar zu zahlende Erbbauzins vom marktüblich angemessenen Erbbauzins abweicht.

Durchgängiges Beispiel der früheren Seite

Die frühere Lernseite arbeitete mit folgendem Beispiel. Diese Werte werden für die Rekonstruktion wieder verwendet:

Ausgangsgröße Alter Beispielansatz
Wert des fiktiven Volleigentums 342.487,25 €
Bodenwert des fiktiv unbelasteten Grundstücks 45.561,60 €
Restlaufzeit des Erbbaurechts 50 Jahre
angemessener Erbbauzinssatz 2,50 %
vertraglicher / erzielbarer Erbbauzins 813,14 € jährlich
Barwertfaktor 28,3623
Erbbaurechtsfaktor 0,85

1. Schritt: Wert des fiktiven Volleigentums ermitteln

Ausgangspunkt der finanzmathematischen Bewertung ist nach § 50 Abs. 1 ImmoWertV der Wert des fiktiven Volleigentums. Gemeint ist der Wert des Grundstücks, wenn das Erbbaurecht gedanklich nicht bestünde.

Nach § 49 Abs. 1 ImmoWertV entspricht das fiktive Volleigentum dem marktangepassten vorläufigen Vergleichs-, Ertrags- oder Sachwert des fiktiv unbelasteten Grundstücks ohne Berücksichtigung besonderer objektspezifischer Grundstücksmerkmale.

Beispiel
342.487,25 €

Wert des fiktiven Volleigentums

2. Schritt: Bodenwert des fiktiv unbelasteten Grundstücks bestimmen

Anschließend wird der Bodenwert des fiktiv unbelasteten Grundstücks bestimmt. Dieser wird vom Wert des fiktiven Volleigentums abgezogen, weil der Erbbauberechtigte gerade nicht Eigentümer des Grund und Bodens ist.

Beispiel
45.561,60 €

Bodenwert des fiktiv unbelasteten Grundstücks

3. Schritt: Angemessenen Erbbauzins ermitteln

Nach § 50 Abs. 3 ImmoWertV wird der angemessene Erbbauzins in der Regel auf Grundlage des angemessenen Erbbauzinssatzes und des Bodenwerts des Grundstücks ermittelt. Der angemessene Erbbauzinssatz entspricht dem Zinssatz, der bei einer Neubestellung eines vergleichbaren Erbbaurechts am Wertermittlungsstichtag im gewöhnlichen Geschäftsverkehr erzielbar wäre.

Angemessener Erbbauzins = Bodenwert × angemessener Erbbauzinssatz
Beispiel

Bodenwert: 45.561,60 €
angemessener Erbbauzinssatz: 2,50 %

45.561,60 € × 2,50 % = 1.139,04 €

Angemessener Erbbauzins: 1.139,04 € jährlich

4. Schritt: Erzielbaren beziehungsweise vertraglichen Erbbauzins feststellen

Dem angemessenen Erbbauzins wird der erzielbare Erbbauzins gegenübergestellt. Nach § 50 Abs. 4 ImmoWertV ist dies der Betrag, der sich aus dem im Erbbaurechtsvertrag vereinbarten Erbbauzins unter Berücksichtigung vertraglich vereinbarter und gesetzlich zulässiger Anpassungsmöglichkeiten ergibt.

Beispiel
813,14 € jährlich

Erzielbarer Erbbauzins

5. Schritt: Bodenwertvorteil oder Bodenwertnachteil bestimmen

Nun wird die Differenz zwischen angemessenem und erzielbarem Erbbauzins bestimmt. Zahlt der Erbbauberechtigte weniger als den marktüblich angemessenen Erbbauzins, entsteht aus seiner Sicht ein wirtschaftlicher Vorteil. Liegt der erzielbare Erbbauzins darüber, entsteht entsprechend ein Nachteil.

Differenz = angemessener Erbbauzins − erzielbarer Erbbauzins
Beispiel
1.139,04 € − 813,14 € = 325,90 €

Der Erbbauberechtigte hat damit einen jährlichen Bodenwertvorteil von 325,90 €.

6. Schritt: Differenz über die Restlaufzeit kapitalisieren

Der jährliche Vorteil oder Nachteil besteht nur während der verbleibenden Laufzeit des Erbbaurechts. Deshalb wird die jährliche Differenz über die Restlaufzeit des Erbbaurechts kapitalisiert.

Für eine gleichbleibende nachschüssige Rente kann der Barwertfaktor grundsätzlich mit folgender Formel beschrieben werden:

Barwertfaktor = [1 − (1 + i)−n] / i

i = Kapitalisierungszinssatz · n = Restlaufzeit
Altes Beispiel

Restlaufzeit: 50 Jahre
verwendeter Barwertfaktor: 28,3623

325,90 € × 28,3623 = 9.243,27 €

Kapitalisierter Bodenwertvorteil: 9.243,27 €

7. Schritt: Gebäudewertanteil des fiktiven Volleigentums ableiten

Der Erbbauberechtigte ist nicht Eigentümer des Bodens. Aus dem Wert des fiktiven Volleigentums wird deshalb zunächst der Bodenwert herausgerechnet.

Gebäudewertanteil = fiktives Volleigentum − Bodenwert
Beispiel
342.487,25 € − 45.561,60 € = 296.925,65 €

Gebäudewertanteil: 296.925,65 €

8. Schritt: Finanzmathematischen Wert des Erbbaurechts ermitteln

Nach § 50 Abs. 2 ImmoWertV wird der finanzmathematische Wert des Erbbaurechts aus zwei Bestandteilen gebildet:

1. Wert des fiktiven Volleigentums abzüglich des Bodenwerts
2. kapitalisierte Differenz aus angemessenem und erzielbarem Erbbauzins

Ist der angemessene Erbbauzins höher als der erzielbare Erbbauzins, stellt die Differenz aus Sicht des Erbbauberechtigten einen Vorteil dar und wird dem Gebäudewertanteil hinzugerechnet.

Finanzmathematischer Wert = Gebäudewertanteil + kapitalisierter Bodenwertvorteil
Beispiel
296.925,65 € + 9.243,27 € = 306.168,92 €

Finanzmathematischer Wert des Erbbaurechts: 306.168,92 €

Sonderfall Gebäuderestwert: Übersteigt die Restnutzungsdauer der baulichen Anlagen die Restlaufzeit des Erbbaurechts, ist nach § 50 Abs. 2 ImmoWertV zusätzlich zu prüfen, ob bei Ablauf des Erbbaurechts ein nicht entschädigter Gebäudewertanteil verbleibt. Dieser ist gegebenenfalls abzuzinsen und vom finanzmathematischen Wert abzuziehen.

9. Schritt: Marktanpassung mit dem Erbbaurechtsfaktor

Der finanzmathematische Wert bildet noch nicht zwingend das tatsächliche Marktverhalten ab. Deshalb kann nach § 49 Abs. 2 ImmoWertV der vorläufige Vergleichswert des Erbbaurechts durch Multiplikation des finanzmathematischen Werts mit einem objektspezifisch angepassten Erbbaurechtsfaktor ermittelt werden.

Nach § 22 ImmoWertV gibt der Erbbaurechtsfaktor das Verhältnis zwischen dem vorläufigen Vergleichswert des Erbbaurechts und seinem finanzmathematischen Wert an. Er wird aus geeigneten Kaufpreisen des Grundstücksmarkts abgeleitet und darf daher nicht frei gewählt werden.

Vorläufiger Vergleichswert = finanzmathematischer Wert × Erbbaurechtsfaktor
Beispiel

Finanzmathematischer Wert: 306.168,92 €
Erbbaurechtsfaktor: 0,85

306.168,92 € × 0,85 = 260.243,58 €

Marktangepasster vorläufiger Wert: rund 260.244 €

10. Schritt: Besondere objektspezifische Merkmale und Verkehrswert

Abschließend sind besondere objektspezifische Grundstücksmerkmale und die konkrete Vertragsgestaltung des Erbbaurechts zu würdigen. Hierzu können insbesondere gehören:

Restlaufzeit
Kurze Restlaufzeiten können die Marktgängigkeit und Finanzierbarkeit deutlich beeinflussen.
Heimfall
Vertragliche Heimfallregelungen können den wirtschaftlichen Wert beeinflussen.
Zustimmungsvorbehalte
Veräußerung oder Belastung können vertraglich von Zustimmungen abhängig gemacht sein.
Entschädigung bei Ablauf
Die Regelung zum Gebäudewert bei Ablauf des Erbbaurechts ist bewertungsrelevant.

Der Verkehrswert des Erbbaurechts ist daher nicht allein das Ergebnis einer finanzmathematischen Formel. Vertragsinhalt, Grundstücksmarkt und objektspezifische Besonderheiten müssen gemeinsam gewürdigt werden.

Die alte Kurzrechnung in drei Schritten

Schritt 1: Kapitalisierter Bodenwertvorteil

45.561,60 € × 2,50 % = 1.139,04 € angemessener Erbbauzins
1.139,04 € − 813,14 € = 325,90 € jährlicher Vorteil
325,90 € × 28,3623 = 9.243,27 €

Schritt 2: Finanzmathematischer Erbbaurechtswert

342.487,25 € − 45.561,60 € = 296.925,65 € Gebäudewertanteil
296.925,65 € + 9.243,27 € = 306.168,92 €

Schritt 3: Marktkonformer Erbbaurechtswert

306.168,92 € × 0,85 = 260.243,58 €

Zusammenfassung der Beispielrechnung

Rechenschritt Ergebnis
Fiktives Volleigentum 342.487,25 €
abzüglich Bodenwert − 45.561,60 €
Gebäudewertanteil 296.925,65 €
kapitalisierter Bodenwertvorteil + 9.243,27 €
Finanzmathematischer Wert 306.168,92 €
Erbbaurechtsfaktor × 0,85
Marktangepasster Wert 260.243,58 €
Ergebnis des rekonstruierten alten Beispiels
rund 260.000 €
Marktangepasster Wert des Erbbaurechts vor einer abschließenden Würdigung besonderer objektspezifischer Grundstücksmerkmale.

Der Ablauf auf einen Blick

1
Fiktives Volleigentum
2
Bodenwert
3
Angemessener Erbbauzins
4
Erzielbarer Erbbauzins
5
Differenz
6
Kapitalisierung
7
Finanzmathematischer Wert
8
Erbbaurechtsfaktor
9
Verkehrswert

Quellen und Rechtsgrundlagen

Hinweis: Die Beispielrechnung dient der Lehre. Für eine konkrete Verkehrswertermittlung müssen insbesondere Erbbaurechtsvertrag, Restlaufzeit, Anpassungsklauseln, Entschädigungsregelungen, Heimfallbestimmungen, Bodenwert, Marktdaten und die Modellbeschreibung des zuständigen Gutachterausschusses geprüft werden.

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