Zum Inhalt springen

Wegerecht bei Grundstücken: Rechte, Bewertung und Einfluss auf den Immobilienwert

Ein Wegerecht kann für das begünstigte Grundstück existenziell sein und gleichzeitig die Nutzung und den Wert des belasteten Grundstücks beeinflussen. Für die Immobilienbewertung sind Verlauf, Breite, Nutzungsumfang, Dauer und konkrete Marktreaktion entscheidend.
Grundverständnis

Was ist ein Wegerecht?

Ein Wegerecht berechtigt dazu, ein fremdes Grundstück in einem bestimmten Umfang zu betreten oder zu befahren. Typischer Anwendungsfall ist ein sogenanntes Hinterliegergrundstück, das nur über ein davor gelegenes Grundstück mit einer öffentlichen Straße verbunden ist.

Rechtlich kann ein Wegerecht unterschiedlich ausgestaltet sein. Besonders häufig wird es als Grunddienstbarkeit nach § 1018 BGB zugunsten des jeweiligen Eigentümers eines anderen Grundstücks im Grundbuch gesichert.

Für eine sachverständige Immobilienbewertung reicht es jedoch nicht aus, lediglich festzustellen, dass „ein Wegerecht“ vorhanden ist. Entscheidend ist, welches Grundstück begünstigt wird, welcher Teil des belasteten Grundstücks betroffen ist und wie intensiv das Recht tatsächlich ausgeübt werden darf.

Das Wichtigste in Kürze

Was Eigentümer und Käufer über Wegerechte wissen sollten

✓ Grunddienstbarkeit: Ein dingliches Wegerecht kann zugunsten des jeweiligen Eigentümers eines anderen Grundstücks bestellt werden.

✓ Grundbuch: Die Belastung wird grundsätzlich im Grundbuch des belasteten Grundstücks eingetragen.

✓ Inhalt: Ob das Recht nur das Gehen oder auch das Befahren mit Pkw, Lieferfahrzeugen oder anderen Fahrzeugen umfasst, hängt von der konkreten Ausgestaltung ab.

✓ Verlauf: Breite, Lage und Verlauf des Weges können für die Nutzung und den Immobilienwert erhebliche Bedeutung haben.

✓ Unterhaltung: Pflege, Reparaturen, Winterdienst und sonstige Unterhaltungskosten sollten eindeutig geregelt sein.

✓ Immobilienwert: Ein Wegerecht kann das begünstigte Grundstück aufwerten und gleichzeitig das belastete Grundstück wertmäßig beeinträchtigen.

✓ Keine Pauschale: Einen festen Wertabschlag von beispielsweise 5, 10 oder 20 Prozent gibt es nicht.

Rechtliche Ausgestaltung

Wegerecht ist nicht gleich Wegerecht

§ 1018 BGB

Grunddienstbarkeit

Das Recht steht dem jeweiligen Eigentümer eines anderen – des sogenannten herrschenden – Grundstücks zu. Bei einem Eigentümerwechsel kann das Recht grundsätzlich weiterhin dem begünstigten Grundstück dienen.

§ 1090 BGB

Beschränkte persönliche Dienstbarkeit

Ein Nutzungsrecht kann auch zugunsten einer bestimmten natürlichen oder juristischen Person bestellt werden. Dann ist nicht ein anderes Grundstück, sondern der konkrete Berechtigte Träger des Rechts.

Vertrag

Schuldrechtliche Vereinbarung

Eigentümer können eine Wegbenutzung auch lediglich vertraglich vereinbaren. Eine solche Vereinbarung besitzt jedoch nicht ohne Weiteres dieselbe dingliche Wirkung gegenüber späteren Grundstückseigentümern wie ein im Grundbuch gesichertes Recht.

Grundbegriffe

Herrschendes und dienendes Grundstück

Herrschendes Grundstück Dieses Grundstück profitiert von der Grunddienstbarkeit. Sein Eigentümer darf den vereinbarten Bereich des Nachbargrundstücks beispielsweise als Zugang oder Zufahrt benutzen.
Dienendes Grundstück Dieses Grundstück ist mit der Dienstbarkeit belastet. Sein Eigentümer muss die vereinbarte Nutzung durch den Berechtigten grundsätzlich dulden.

Aus Bewertungssicht ist diese Unterscheidung besonders wichtig: Dieselbe Grunddienstbarkeit kann für das herrschende Grundstück einen erheblichen wirtschaftlichen Vorteil und für das dienende Grundstück einen wirtschaftlichen Nachteil darstellen.

Wie wird ein dingliches Wegerecht begründet?

Soll ein Grundstück dauerhaft mit einem dinglichen Wegerecht belastet werden, sind grundsätzlich die Einigung der Beteiligten über die Rechtsänderung und die Eintragung des Rechts in das Grundbuch erforderlich.

Die für die Grundbucheintragung erforderlichen Erklärungen müssen den formellen Anforderungen der Grundbuchordnung entsprechen. In der Praxis werden diese regelmäßig durch einen Notar vorbereitet beziehungsweise öffentlich beglaubigt oder beurkundet und anschließend beim Grundbuchamt eingereicht.

Die dingliche Belastung wird beim dienenden Grundstück regelmäßig in Abteilung II des Grundbuchs geführt.

Der Grundbucheintrag allein reicht für die Bewertung häufig nicht aus

Im Grundbuch findet sich oftmals nur eine verkürzte Bezeichnung des Rechts mit einem Verweis auf die Eintragungsbewilligung.

Für die sachverständige Bewertung sollte deshalb zusätzlich die zugrunde liegende Bewilligungsurkunde beziehungsweise Grundakte geprüft werden. Dort können beispielsweise Verlauf, Breite, Nutzungsart, Unterhaltungspflichten oder weitere Einschränkungen des Wegerechts geregelt sein.

Gerade diese Einzelheiten können über die tatsächliche Wertwirkung entscheiden.

Was sollte bei einem Wegerecht eindeutig geregelt sein?

Verlauf
Welcher Teil des Grundstücks darf benutzt werden?
Breite
Wie breit ist die nutzbare Weg- oder Zufahrtsfläche?
Art der Nutzung
Gehen, Fahrradfahren oder Befahren mit Kraftfahrzeugen?
Nutzerkreis
Eigentümer, Bewohner, Mieter, Besucher oder Lieferverkehr?
Nutzungsintensität
Private Wohnnutzung oder gewerblicher Verkehr?
Unterhaltung
Wer trägt Reparatur-, Pflege- und Winterdienstkosten?
Befestigung
Darf der Weg befestigt, verbreitert oder verändert werden?
Mitbenutzung
Darf auch der Eigentümer des belasteten Grundstücks den Weg benutzen?

Gehrecht ist nicht automatisch Fahrrecht

Der konkrete Inhalt einer Dienstbarkeit ist entscheidend. Ein Recht, ein Grundstück zu Fuß zu überqueren, ist wirtschaftlich und tatsächlich etwas anderes als eine Zufahrt, die regelmäßig mit Pkw oder weiteren Fahrzeugen genutzt werden darf.

Für die Immobilienbewertung sollte deshalb die Bezeichnung „Wegerecht“ niemals isoliert betrachtet werden. Maßgeblich ist der konkrete Inhalt der Dienstbarkeit.

Wer muss den Weg unterhalten?

Nach § 1020 BGB muss der Berechtigte die Interessen des Eigentümers des belasteten Grundstücks bei der Ausübung einer Grunddienstbarkeit tunlichst schonen.

Bei einem Wegerecht sollte deshalb möglichst eindeutig geregelt sein, wer beispielsweise Ausbesserungen, Oberflächenbefestigung, Entwässerung, Reinigung und Winterdienst übernimmt.

Kann ein bestehender Weg verlegt werden?

Unter bestimmten Voraussetzungen kann nach § 1023 BGB eine Verlegung auf eine andere Stelle verlangt werden, wenn die bisherige Lage besonders beschwerlich und die neue Stelle für den Berechtigten ebenso geeignet ist.

Sonderfall

Was ist ein Notwegerecht?

Fehlt einem Grundstück die zur ordnungsgemäßen Benutzung erforderliche Verbindung zu einem öffentlichen Weg, kann nach § 917 BGB unter bestimmten Voraussetzungen ein Anspruch gegen Nachbarn bestehen, die Benutzung ihrer Grundstücke zur Herstellung der erforderlichen Verbindung zu dulden.

Der gesetzliche Notweg ist damit von einer freiwillig vereinbarten und im Grundbuch eingetragenen Grunddienstbarkeit zu unterscheiden.

Häufige Verwechslung

Wegerecht und Baulast sind nicht dasselbe

Die Grunddienstbarkeit sichert privatrechtlich eine Nutzung zwischen Grundstücken beziehungsweise deren Eigentümern. Eine Baulast ist dagegen eine öffentlich-rechtliche Verpflichtung des Grundstückseigentümers gegenüber der Bauaufsichtsbehörde.

Für eine Immobilienbewertung können daher sowohl Grundbuch als auch Baulastenverzeichnis wertrelevante Informationen enthalten.

Ein privates Wegerecht bedeutet nicht automatisch gesicherte baurechtliche Erschließung

Gerade beim Erwerb eines Hinterliegergrundstücks sollte zwischen privatrechtlicher Zugangssicherung und öffentlich-rechtlicher Erschließung unterschieden werden.

Immobilienbewertung

Wie beeinflusst ein Wegerecht den Immobilienwert?

Begünstigtes Grundstück Wird ein Hinterliegergrundstück erst durch ein dauerhaft gesichertes Wegerecht sinnvoll erreichbar und nutzbar, kann das Recht einen erheblichen wirtschaftlichen Vorteil darstellen.
Belastetes Grundstück Das Wegerecht kann Nutzungsmöglichkeiten einschränken, Privatsphäre reduzieren, Flächen beanspruchen oder Bebauungsmöglichkeiten beeinflussen.
ImmoWertV

Wie wird ein Wegerecht sachverständig bewertet?

§ 47 ImmoWertV sieht für Rechte und Belastungen unterschiedliche methodische Ansätze vor. Der Werteinfluss kann insbesondere anhand geeigneter Vergleichsdaten oder anhand der wirtschaftlichen Vor- und Nachteile des konkreten Rechts bestimmt werden.

Entscheidend bleibt die Reaktion des Grundstücksmarktes. Einen pauschalen prozentualen Abschlag für Wegerechte sieht die ImmoWertV nicht vor.

Welche Faktoren bestimmen die Wertwirkung eines Wegerechts?

Lage der Wegfläche
Grundstücksrand oder mitten durch Garten beziehungsweise Hoffläche?
Flächengröße
Wie viel Grundstücksfläche wird tatsächlich beansprucht?
Breite
Schmaler Fußweg oder mehrere Meter breite Zufahrt?
Nutzungsart
Gehen, Pkw-Verkehr, Lieferverkehr oder gewerbliche Nutzung?
Nutzungshäufigkeit
Gelegentliche Nutzung oder regelmäßiger täglicher Verkehr?
Bebaubarkeit
Werden Bebauung oder Grundstücksteilung eingeschränkt?
Privatsphäre
Verläuft der Weg unmittelbar an Wohn- oder Aufenthaltsbereichen?
Unterhaltungskosten
Wer trägt Reparaturen und laufende Aufwendungen?
Dauer
Ist das Recht dauerhaft oder zeitlich beschränkt?

Kein pauschaler Abschlag vom Bodenwert

Es wäre fachlich nicht sachgerecht, für jedes Wegerecht automatisch einen bestimmten Prozentsatz vom Boden- oder Verkehrswert abzuziehen.

Die Belastungsintensität muss objektspezifisch und marktbezogen beurteilt werden. Lage, Verlauf, Nutzungshäufigkeit und Auswirkungen auf die Bebauungsmöglichkeiten können die Wertwirkung erheblich verändern.

Was passiert beim Verkauf des belasteten Grundstücks?

Ist das Wegerecht als Grunddienstbarkeit wirksam im Grundbuch gesichert, bleibt die Belastung grundsätzlich auch bei einem Eigentümerwechsel des dienenden Grundstücks bestehen.

Käufer sollten daher nicht nur den Grundbuchauszug, sondern auch die zugrunde liegende Bewilligungsurkunde und den tatsächlichen Verlauf des Rechts prüfen.

Welche Unterlagen benötigt der Sachverständige?

✓ Aktueller Grundbuchauszug
✓ Eintragungsbewilligung / Grundakte
✓ Flurkarte bzw. Liegenschaftskarte
✓ Lageplan des Wegerechts
✓ Baulastenauskunft
✓ Vereinbarungen zur Unterhaltung
Häufige Fragen

Fragen zum Wegerecht bei Grundstücken

Muss ein Wegerecht im Grundbuch stehen?

Ein Wegerecht kann auch lediglich schuldrechtlich vereinbart sein. Soll es dauerhaft als dingliches Recht gegenüber den jeweiligen Grundstückseigentümern wirken, wird es regelmäßig im Grundbuch gesichert.

Ist ein Gehrecht automatisch ein Fahrrecht?

Nein. Maßgeblich ist der konkrete Inhalt des eingetragenen beziehungsweise vereinbarten Rechts.

Kann ein Wegerecht den Immobilienwert mindern?

Ja. Beim belasteten Grundstück kann es insbesondere Nutzungsmöglichkeiten, Privatsphäre oder Bebauungsmöglichkeiten einschränken. Einen allgemeingültigen Prozentsatz gibt es jedoch nicht.

Kann ein Wegerecht den Wert erhöhen?

Für das begünstigte Grundstück kann eine dauerhaft gesicherte Zufahrt einen erheblichen wirtschaftlichen Vorteil darstellen und gegebenenfalls erst eine marktgerechte Nutzung ermöglichen.

Rechts- und Bewertungsgrundlagen

Wesentliche Grundlagen

Bürgerliches Gesetzbuch: insbesondere §§ 873, 917, 918 sowie 1018 ff. BGB.

Grundbuchordnung: insbesondere § 29 GBO.

Immobilienwertermittlungsverordnung: § 47 ImmoWertV zur Wertermittlung bei Rechten und Belastungen.

Hinweis: Diese Seite erläutert immobilienwirtschaftliche und bewertungsbezogene Grundlagen. Sie ersetzt keine individuelle Rechtsberatung. Bei der Bestellung, Änderung, Auslegung oder Löschung eines Wegerechts sollten bei Bedarf ein Notar oder Rechtsanwalt sowie bei baurechtlichen Fragen die zuständige Behörde einbezogen werden.

Weiterführende Informationen

Rechte & Belastungen →
Überblick über grundstücksbezogene Rechte, Belastungen und deren Einfluss auf den Immobilienwert.
Wohnungsrecht →
Bewertung von lebenslangen und befristeten Wohnungsrechten bei Immobilien.
Nießbrauch →
Bewertung und wirtschaftliche Auswirkungen eines Nießbrauchrechts auf Grundstück und Immobilie.
Immobilienbewertung →
Informationen zur professionellen und sachverständigen Bewertung von Immobilien.
Sachverständige Bewertung

Prof. Dr. Benjamin Beug

Prof. Dr. Benjamin Beug ist Professor für Immobilienbewertung und Diplom-Sachverständiger (DIA) für die Bewertung bebauter und unbebauter Grundstücke, für Mieten und Pachten sowie für die Beleihungswertermittlung.

Als zertifizierter Immobiliengutachter nach DIN EN ISO/IEC 17024 verbindet er wissenschaftliche Bewertungsmethodik mit praktischer Immobilienbewertung.

Zu den besonderen Bewertungsgebieten gehören unter anderem Wegerechte, Wohnungsrechte, Nießbrauch, Erbbaurechte, Baulasten und weitere Rechte und Belastungen an Grundstücken.

Wie stark beeinflusst ein Wegerecht den Wert Ihres Grundstücks?

Dr. Beug Immobilien untersucht den konkreten wirtschaftlichen Einfluss von Wegerechten und weiteren grundstücksbezogenen Rechten und Belastungen sachverständig und nachvollziehbar.

Bewertung anfragen Rechte und Belastungen →

Kontaktieren Sie uns

Kontaktformular

Wir verwenden Cookies 🍪

Wir verwenden technisch notwendige Cookies und vergleichbare Technologien, um unsere Website sicher und zuverlässig bereitzustellen. Optionale Dienste, beispielsweise für externe Medien, Statistik oder Marketing, werden nur mit Ihrer Einwilligung aktiviert.
Sie können Ihre Auswahl individuell treffen und eine erteilte Einwilligung jederzeit über die Cookie-Einstellungen mit Wirkung für die Zukunft ändern oder widerrufen. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Einstellungen

  • Diese Website verwendet technisch notwendige Cookies und vergleichbare Technologien, die für grundlegende Funktionen, die Sicherheit sowie die technische Bereitstellung der Website erforderlich sind.
    Dabei können technisch erforderliche Verbindungsdaten, insbesondere die IP-Adresse, verarbeitet werden, soweit dies für die Übertragung und Bereitstellung der angeforderten Inhalte notwendig ist.
    Diese Verarbeitung dient ausschließlich dem sicheren und funktionsfähigen Betrieb der Website und wird nicht für Werbe- oder Profilierungszwecke eingesetzt.

  • Inhalte aus externen Quellen, Videoplattformen und Social-Media-Plattformen. Wenn Cookies von externen Medien akzeptiert werden, bedarf der Zugriff auf diese Inhalte keiner manuellen Zustimmung mehr